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Virtuelles Wasser


Eine zweckmässige Lösung

Eine zweckmässige Lösung


Sprinkleranlage auf israelischen Tomatenfeldern. Bildquelle: © UNESCO / UNESCO-Kurier
Sprinkleranlage auf israelischen Tomatenfeldern. Bildquelle: © UNESCO / UNESCO-Kurier

Prof. J. A. Allan, Wasserexperte am Institut für Orientalische und Afrikanische Studien der Londoner Universität


Um Wasser wird man noch Kriege austragen - eine düstere Prophezeiung, die nichts von ihrer Aktualität verloren hat, seit Politiker wie der kürzlich verstorbene König Hussein von Jordanien oder der ehemalige ägyptische UN-Generalsekretär Boutros Boutros Ghali sie vor Jahren zum ersten Mal aussprachen. Denn schon in den 1970er Jahren wurde das Wasser im Nahen Osten und in Nordafrika knapp.


Drohen uns also wirklich Konflikte um den kostbaren Rohstoff? Bevor wir in Panik geraten, sollten wir uns zunächst mit einer entscheidenden Neuentwicklung befassen: Spitzenpolitiker der Region haben eine Quelle entdeckt, die von Hydrologen bislang völlig vernachlässigt wurde. Nennen wir sie "virtuelles" Wasser - das Wasser also, das indirekt in Form landwirtschaftlicher Produkte wie Weizen in Erscheinung tritt.


Es wäre übermenschlicher Mut nötig, wollte der Staatschef eines Landes, das in seiner 5.000 jährigen Geschichte noch nie an Wassermangel gelitten hat, die Versorgung plötzlich als gefährdet bezeichnen - er würde höchstens von "ausreichenden" Wasservorräten sprechen.


Diese Aussage ist aber irreführend. Um den Durst der Bevölkerung zu stillen, reichen die Reserven auf alle Fälle - denn dazu ist pro Kopf nicht mehr als ein Kubikmeter Trinkwasser jährlich notwendig. Vielleicht ist auch noch der Wasserbedarf in den privaten Haushalten und der Industrie gedeckt, obwohl in beiden Fällen eine Zunahme des Verbrauchs zu verzeichnen ist. Doch mit Sicherheit steht nicht genügend für die Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung, die immense Mengen an Süsswasser verschlingt: Für die Bewässerung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse, die eine Person im Jahr zum Überleben benötigt, sind 1.000 m3 Brauchwasser erforderlich.


Statt diese prekäre Situation öffentlich zuzugeben und dafür die politische Rechnung präsentiert zu bekommen, lassen die Entscheidungsträger "virtuelles" Wasser ins Land schaffen.


Um eine Tonne Weizen anzubauen, braucht man 1.000 Tonnen Wasser. Der Import von einer Mio. Tonnen Weizen entspricht also der Einfuhr einer Mrd. Tonnen - bzw. Kubikmeter - Wasser. Seit Ende der 1980er Jahre haben die Länder im Nahen Osten und in Nordafrika jährlich 40 Mio. Tonnen Getreide und Mehl importiert. Es fliesst also mehr "virtuelles" Wasser in die Region, als ganz Ägypten für die Bewässerung von Feldern aus dem Nil holt. "Virtuelles" Wasser ist nicht nur in Unmengen vorhanden, es kostet auch erstaunlich wenig. Die Weizenpreise sind in den letzten 100 Jahren stetig gefallen. Auf dem von den USA und der EU beherrschten Markt für landwirtschaftliche Produkte wird Weizen gegenwärtig für etwa die Hälfte der Produktionskosten gehandelt.


Zur Produktion von Nahrungsmitteln erforderliche Wassermenge in der Region Naher Osten / Nordafrika

Produkt Einheit Wasseräquivalent in 1.000 m3 pro Einheit
Quelle: FAO, 1999    
Rinder Stück 4
Schafe und Ziegen Stück 0.5
Getreide Tonne 1.5
Frisches Rindfleisch Tonne 20
Frisches Geflügelfleisch Tonne 6
Frisches Schaffleisch Tonne 10
Zitrusfrüchte Tonne 1
Palmöl Tonne 2
Hülsenfrüchte Tonne 1
Wurzel- und Knollengemüse Tonne 1

Entsalztes Meerwasser für Wüstenfarmen


Weizenernte in Syrien. Bildquelle: © UNESCO / UNESCO-Kurier
Weizenernte in Syrien. Bildquelle: © UNESCO / UNESCO-Kurier
Ägyptischen Fellachen bleibt keine Wahl: Sie müssen auf traditionelle Bewässerungsmethoden zurückgreifen. Bildquelle: © UNESCO / UNESCO-Kurier
Ägyptischen Fellachen bleibt keine Wahl: Sie müssen auf traditionelle Bewässerungsmethoden zurückgreifen. Bildquelle: © UNESCO / UNESCO-Kurier

Der Nahe Osten und Nordafrika scheinen schlichtweg die Gunst der Stunde zu nutzen, wenn sie ein stark subventioniertes Erzeugnis einführen lassen, das indirekt einen kostbaren Rohstoff enthält. Doch die Abhängigkeit vom internationalen Markt ist in den Ländern der Region weder sozial annehmbar noch strategisch klug.


Das erklärt auch, warum man in den Vereinigten Arabischen Emiraten entsalztes Meerwasser kilometerweit zu Wüstenfarmen im Landesinneren pumpt oder fruchtbaren Boden buchstäblich von einer Gegend in die andere karrt, um dort neue Felder zur Selbstversorgung des Landes anzulegen. Bis 1991 bewässerte Saudi-Arabien seine Getreideanbauflächen mit beträchtlichen Mengen des aussergewöhnlich reinen, aber eben nicht erneuerbaren fossilen Wassers. Um grössere Nahrungsmitteltunabhängigkeit vom Ausland ist man auch in Libyen bemüht: Wasser soll aus Tiefbrunnen im Norden über unterirdische Rohre an die Mittelmeerküste gepumpt werden, um dort etwa 200.000 ha Ackerland zu berieseln. Geschätzte Kosten des Mammutprojekts: 25 Mrd. Dollar.


Das sind Extrembeispiele - sicher. Aber auch Ägypten hat 90% des für Wasser zur Verfügung stehenden Budgets in die Finanzierung des landwirtschaftlichen Bedarfs gesteckt - und trotzdem im letzten Jahr 7,5 Mio. Tonnen Getreide, also 7,5 Mrd. m3 "virtuelles" Wasser, importiert, um eine Bevölkerung von etwa 63 Mio. Menschen ernähren zu können.


Verkennen Länder den Stellenwert des "virtuellen" Wassers, riskieren sie, dass ihre eigenen Ressourcen nicht genügend geschätzt und innovative, wenn auch schmerzliche Reformen aufgeschoben werden. Die landwirtschaftliche Bewässerung in Ägypten kostet die Bauern fast nichts, belastet den Staat aber natürlich um so mehr. Gerade das auf Feldern versprühte Wasser könnte hundertmal sinnvoller im Industrie- oder Dienstleistungssektor eingesetzt werden. Eine Änderung des Status quo jedoch ist politisch äusserst heikel. Fast 40% der werktätigen Bevölkerung arbeiten in der Landwirtschaft, den meisten Bauern stehen weniger als 2 ha Fläche zur Verfügung. Von ihnen kann man nicht erwarten, dass sie plötzlich für Wasser bezahlen oder ihre Existenzgrundlage aufgeben. Es braucht Zeit, bis sich die Einstellung der Menschen ändert und eine vielgestaltige Wirtschaft entstehen kann, die Arbeitsplätze in anderen Sektoren zu bieten hat.


Israel präsentiert sich hier als interessantes Beispiel. Das Land hatte ein hehres Ziel: Es wollte die Wüste zum Blühen bringen. Den Bauern stehen leistungsfähige Bewässerungssysteme zur Verfügung. Und doch hat die Regierung in den letzten zehn Jahren gezeigt, dass eine Verringerung der Wasserrationen in der Landwirtschaft verkraftet werden kann. So gehört der junge Staat zu den wenigen Ländern, die für die Bewässerung von Feldern 40% der Bereitstellungskosten verlangen. Doch selbst diese Gebühren müssten noch verdoppelt oder verdreifacht werden, damit der tatsächliche Aufwand gedeckt wird.


Weitere Länder in der Region, darunter Jordanien, Tunesien und Marokko, folgen allmählich dem Beispiel Israels. Die Einfuhr von virtuellem Wasser bietet ihnen möglicherweise eine Schonfrist für die schwierige Umstellung und hilft ausserdem politische Spannungen vermeiden. Ebenso kann sie aber auch dazu dienen, Lösungen für ein akutes Problem auf die lange Bank zu schieben.


Geschätztes Äquivalent an "virtuellem" Wasser für die Nahrungsmittelimporte der Region Naher Osten / Nordafrika (1994)

Land Wasseräquivalent in 1.000 m3 pro Nettoimport
Negative Zahlen weisen auf einen Exportüberschuss hin; Mauretanien etwa ist ein Nettoexporteur von Vieh, die Türkei von Getreide und Vieh. Quelle: FAO, 1999  
Algerien 12397
Bahrain 680
Ägypten 18171
Irak 2180
Iran 11519
Jemen 3375
Jordanien 3467
Kuwait 2784
Libyen 3237
Mauretanien -2
Marokko 2419
Saudi-Arabien 13863
Syrien 1014
Türkei -3468
Vereinigte Arabische Emirate 3362

Ein wirtschaftlicher Trugschluss?

Ein wirtschaftlicher Trugschluss?


Mit dem Tropfenzähler wird auf einem Landgut bei Amman (Jordanien) bewässert. Bildquelle: © UNESCO / UNESCO-Kurier
Mit dem Tropfenzähler wird auf einem Landgut bei Amman (Jordanien) bewässert. Bildquelle: © UNESCO / UNESCO-Kurier

Amy Otchet


Es ist, als wollte man aus einem Stein Wasser pressen! Überall im Mittleren Osten weigern sich die Regierungsbeamten, öffentlich über das Thema virtuelles Wasser zu diskutieren, und selbst Experten äussern sich nur widerwillig dazu. Warum dieses Stillschweigen? Schliesslich belegen frei zugängliche Statistiken eindeutig, dass der Weizenimport in die Region zunimmt und sich daran in absehbarer Zeit nichts ändern wird. Die Länder versuchen, die schwindenden Wasservorräte durch sofort verfügbares und scheinbar kostengünstiges Getreide auszugleichen.


Mit technologischen Lösungen scheint man dem Problem der Wasserknappheit nicht beizukommen. Aufgrund der fallenden Ölpreise und deren fatalen Folgen für die öffentlichen Haushalte können sich selbst reiche Länder wie Saudi Arabien die Meerwasserentsalzung kaum noch leisten.


Zum Teil ist auch das politische Klima für das Schweigen verantwortlich. "Zurzeit werden zahlreiche Verhandlungen über verschiedene Sicherheitsfragen geführt, welche auch die gemeinsame Nutzung von Wasser einschliessen. Alle Informationen zur Wasserknappheit sind heikel", erklärt Mamdouh Shahin, ein in den Niederlanden ansässiger und im Mittleren Osten wegen seiner hydrologischen Analysen der Region anerkannter ägyptischer Professor für Hoch- und Tiefbau.


Zudem ist virtuelles Wasser für die lokalen Hydrologen und Politiker ein rotes Tuch. Sie sträuben sich gegen die Idee, dass die Staaten Getreide importieren, statt es anzubauen. Sicher, es gibt ein Wasserproblem in der Region. Gewiss, Weizeneinfuhr ist ein effizientes Mittel, dem Problem beizukommen. Aber sollen deshalb diese Länder ihre landwirtschaftliche Produktion einstellen oder müssen ihre Bauern die tatsächlichen Kosten für die Bewässerung bezahlen?


"Ich bin nicht einverstanden mit dem Vorschlag, dass wir zur Ernährung unserer Bevölkerung uns allein auf virtuelles Wasser verlassen sollten", meint Shahin. "Das ist nur eine Lösung. Wir brauchen aber eine ganze Palette von Lösungen: Traditionelle Wasserquellen müssen erhalten und moderne weiterentwickelt werden, wie etwa das Sammeln von Niederschlag aus Nebel oder Brauchwasser-Recycling aus landwirtschaftlicher Bewässerung und städtischen Abwässern".


Eine völlige Autarkie im Agrarsektor kann in der Region womöglich nie erreicht werden. Für Shahin bedeutet dies jedoch nicht, dass die Regierungen das Ziel aufgeben sollten, den Ernteertrag zu erhöhen. "Nahrungsmittelimporte sind sogar noch strategisch heikler als Energieimporte. Man kann ohne Öl leben, aber nicht ohne Nahrung", meint der Experte. Sollten die Ausfuhrländer ihren Bauern die Subventionen streichen, käme es zu spürbar höheren Preisen, denen die importierenden Staaten hilflos ausgeliefert wären. "Wasser für die Bewässerung wird kostenlos bleiben, solange die Menschen dermassen arm sind. Dies ist im Interesse der Bevölkerung und der Regierung", meint Shahin.


Bewässerungssysteme ausbauen


Viele derzeit genutzte Bewässerungssysteme verschleudern Wasser, und da es so wenig kostet, existieren kaum Anreize, Technologien einzuführen, die effizienter arbeiten und die Verschwendung eindämmen. Shahin zufolge kann die Lösung jedoch nicht darin liegen, die Bauern für das Wasser, das sie benutzen, bezahlen zu lassen und sie somit finanziell zu ruinieren. Dagegen sollte in leistungsfähigere Bewässerungssysteme investiert werden, zum Beispiel in eine genau dosierte Bewässerung durch unmittelbar unter der Bodenoberfläche liegende, perforierte Leitungen. Hierbei werden kleine Wassermengen direkt an die Pflanzenwurzeln abgegeben, was die Verdunstung und nutzlose Versickerung verringert.


Die eigentliche Herausforderung liegt nun darin, das Kapital zur Finanzierung dieser technologischen Verbesserungen zu finden.


Zudem betont Shahin, dass es starke, religiös bedingte Einwände gegen Wassergebühren gebe. "Dem Koran zufolge muss man jemandem, der Wasser braucht, dieses aber in keiner Weise bezahlen kann, im Namen der Barmherzigkeit Gottes geben", erklärt er. "In Ländern wie Ägypten und Syrien werden Flüsse als ein Geschenk Gottes angesehen. Und da die Menschen zu arm sind, um den Staat für die Wasserversorgung zu entschädigen, bleibt sie gebührenlos".


Auch unter wirtschaftlichen Aspekten werde das Konzept des virtuellen Wassers kritisiert, erläutert Jad Isaac, Generaldirektor des Instituts für Angewandte Forschung in Jerusalem, einer gemeinnützigen Institution für langfristig tragfähige Entwicklung in den palästinensischen Gebieten. "Wenn wir über virtuelle Importe sprechen", sagt er, "sollten wir auch virtuelle Exporte - Früchte und Gemüse - nach Europa und in die USA berücksichtigen". Für Isaac geht es nicht darum, dass Länder ihren Landwirtschaftssektor aufgeben sollten, sondern darum, welcher Art von Landwirtschaft Priorität eingeräumt wird: der Weizenproduktion zur Abdeckung der Nahrungsmittelversorgung oder der gewinnträchtigen Produktion von Exportgütern wie Gemüse oder Früchte?


"Ob wir wollen oder nicht, Wasser ist eine begrenzte Ressource. Es wäre völlig falsch, es unökonomisch zu nutzen", so Isaac. Ihm zufolge ist der Staat verpflichtet, die Haushalte kostenlos mit Wasser zu versorgen. Die Landwirtschaft sei aber ein wirtschaftlicher Sektor, und daher sollten Bauern für die Bewässerung zahlen. "Dies muss jedoch schrittweise eingeführt werden. Man kann Entwicklungsländer nicht schlagartig in Industrieländer verwandeln", erklärt er.


Selbst einem hoch entwickelten Staat wie Israel, der enorme finanzielle Hilfen von den USA und anderen westlichen Ländern erhält, sei es nicht gelungen, eine wirtschaftlich rentable Landwirtschaft aufzubauen. "Viele meinen, es habe einen Wandel in der israelischen Politik gegeben, aber die Regierung subventioniert Wasser nach wie vor", sagt Isaac. Zwar verfügt Israel mit über 50% über eine der höchsten Raten der bewässerten Agrarflächen in der Region, aber die Landwirtschaft trägt weniger als 2% zur Wirtschaftskraft des Landes bei. Dagegen hat an der palästinensischen Wirtschaft der Landwirtschaftssektor einen Anteil von über 20%, obwohl nur 6% der kultivierbaren Fläche bewässert werden.


"Die Politik der Israelis macht keinen Sinn", erklärt Isaac. "Sie sollten den Palästinensern das Wasser, das sie ihnen gewaltsam wegnahmen, zurückgeben, da sie es offenkundig für ihre Entwicklung besser nutzen". Mit einem Bruttosozialprodukt von rund 17.000 Dollar pro Einwohner, so argumentiert er, könne es sich Israel leisten, seine Wirtschaft noch stärker auf die Herstellung von Spitzentechnologien auszurichten, statt den Agrarsektor zu subventionieren. Dagegen liegt das palästinensische Bruttosozialprodukt bei rund 1.000 Dollar und basiert auf der Landwirtschaft. Deshalb sollten die Palästinenser diese kurzfristig weiter ausbauen und so schrittweise eine industrielle Grundlage schaffen. Das sei wie bei einem Baby: Erst krabbelt es, dann geht es aufrecht, und schliesslich läuft es.


Text-Quelle: UNESCO-Kurier Nr. 2/1999 (vergriffen)