2005: Jahr der Kleinstkredite

- Logo des Internationalen Jahres der Kleinstkredite
Die UNO hat am 15. Dezember 1998 das Jahr 2005 zum Internationalen Jahr der Kleinstkredite erklärt. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen beabsichtigt mit dieser Benennung, Regierungen, das System der Vereinten Nationen, nichtstaatliche Organisationen, die Zivilgesellschaft, den Privatsektor und die Medien auf die Rolle von Kleinstkrediten bei der Armutsbeseitigung, ihren Beitrag zur sozialen Entwicklung und ihren positiven Einfluss auf das Leben der in Armut lebenden Menschen aufmerksam zu machen und für ihre stärkere Anerkennung zu sorgen.
Gleichzeitig bittet die Generalversammlung alle an der Armutsbeseitigung beteiligten Stellen, weitere Massnahmen in Erwägung zu ziehen, namentlich die Stärkung bestehender und neuer Kleinstkreditinstitutionen und ihrer Kapazität, damit einer wachsenden Zahl von in Armut lebenden Menschen Kredite und damit verbundene Dienstleistungen zur Förderung einer selbständigen Erwerbstätigkeit sowie einkommenschaffender Aktivitäten zugänglich gemacht werden können.

- Bildquelle: UNESCO-Kurier Nr. 1/1997
Wenn von Finanzierungen, Krediten, Ersparnissen und Investitionen die Rede ist, denken die meisten von uns an Big Business, an Millionen- oder gar Milliardenbeträge. Jeder Vernunft zu spotten scheint die Vorstellung, grosse Geldtransaktionen liessen sich irgendwie miniaturisieren.
Aber gerade dies ist seit einiger Zeit der Fall. Finanzwesen und Armut sind nicht mehr auf unterschiedlichen Planeten angesiedelt. Auf jedem Kontinent der Erde haben heute Millionen von Familien, die bisher in den Randbereichen der Gesellschaft lebten, Zugang zu Bankdarlehen, legen Ersparnisse ab und investieren - in mikroskopischem Massstab. Der Begriff microfinance wurde eigens geprägt, um solche Geschäftstätigkeiten zu beschreiben. Er ist mittlerweile so bedeutsam geworden, dass sich im Februar 1997 ein Weltgipfel in Washington mit diesem Themenkreis beschäftigte.
In den beiden vergangenen Jahrzehnten haben lokale Institute in verschiedenen Teilen der Welt innovative Mechanismen entwickelt, um jenen Darlehen und Sparmöglichkeiten bereitzustellen, die bisher vom offiziellen Bankwesen ausgeschlossen waren. Diese microfinance institutions (MFI) haben es ermöglicht, selbständige Systeme von Finanzdienstleistungen für die Ärmsten der Armen zu schaffen und Bevölkerungsteile zu erreichen, die zuvor von solchen Instituten ausgeschlossen waren.
Die MFI haben entgegen der herkömmlichen Meinung bewiesen, dass die Armen kreditwürdig sind und einen hohen Sparsinn haben. Die MFI stellen sehr kleine kurzfristige Darlehen mit einer Laufzeit von durchschnittlich zwölf Monaten bereit. Die Aussicht auf nachfolgende grössere Darlehen bietet einen starken Anreiz für die Rückzahlung. Obwohl die meisten MFI einen relativ hohen Zinssatz berechnen, ist die Rückzahlungsquote bemerkenswert hoch, und die Nachfrage steigt. Das legt nahe, dass für die armen Kunden weniger die Kosten als vielmehr die jederzeit zugänglichen Kleinstkredite von Bedeutung sind.
UNESCO und microfinance
Wie alle Organisationen der Vereinten Nationen, engagiert sich die UNESCO im Kampf gegen die Armut durch die Erklärungen und Programme, die sie bei den grossen Konferenzen der Vereinten Nationen in den Neunziger-Jahren, besonders dem Weltgipfel für Sozialentwicklung, mitunterzeichnet hat.
Die UNESCO ist aussergewöhnlich gut darauf vorbereitet, diese Herausforderung anzunehmen. Sie kann dazu beitragen, die Wege und Mittel zu erforschen, die den Zugang der Armen zu Kleinstkreditbanken auf einer wirtschaftlich tragfähigen Basis verbessern, und neue Techniken für die Bereitstellung angemessener Dienstleistungen für diese schwer erreichbaren Bevölkerungsschichten zu entwickeln.
Zu diesem Zweck ist die UNESCO mit der Grameen-Bank in Bangladesch ein Kooperationsabkommen eingegangen. Sie strebt ähnliche Formen der Zusammenarbeit an, um die Kunden anderer erfolgreicher MFI mit zusätzlichen Programmen auf den Gebieten der Bildung, Wissenschaft und Technologie sowie der Kultur und Kommunikation zu unterstützen.
Am Anfang konzentrierten sich die Vertreter der MFI auf die Kreditvergabe und vergassen, dass Anreize für die Bildung von Ersparnissen ebenso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger für die ärmsten ländlichen Haushalte sein können. Die neueren Programme allerdings schenken der Förderung freiwilligen Sparens grössere Beachtung, um mehr Menschen den Zugang zu Darlehen zu ermöglichen.
Die MFI basieren auf dem Prinzip, dass die Finanzdienstleistungen für Arme kundennah und dezentralisiert bereitgestellt werden sollen. Einige dieser Institute haben Frauen als Zielgruppe ausgewählt, da für sie der Zugang zu Geldmitteln und Dienstleistungen noch schwerer ist als für Männer. Ausserdem verfügen sie über eine höhere Zahlungsmoral und mehr Gemeinschaftssinn.
Bisher haben nur wenige Geschäftsbanken Interesse an der Kundengruppe "Mikrofinanz" gezeigt. Der Grund hierfür sind die gesetzlichen und strukturellen Rahmenbedingungen der offiziellen Geldinstitute, die für die Praktiken des Kleinstkreditwesens ungünstig sind. Verfahrensweisen, bei denen die Zinsraten künstlich niedrig gehalten werden, insbesondere bei den Krediten für Arme, erlauben den Banken keine Kostendeckung, so dass sie diesem Terrain fernbleiben. Ein neuer Ansatz im Umgang mit dieser Frage würde die offiziellen Banken ermuntern, ihr Betätigungsfeld auf Bevölkerungsteile auszudehnen, die sie bisher nicht berücksichtigt haben.
NGOs haben entscheidend dazu beigetragen, Darlehen und andere Dienstleistungen an die Armen weiterzuleiten, und eine zunehmende Zahl von ihnen wandelt sich zu regelrechten Finanzinstituten. Die Arbeit der NGOs vor Ort kann den Handelsbanken dabei behilflich sein, die ärmsten Kunden in den entlegensten Gebieten zu erreichen und, falls erforderlich, Darlehen zu überprüfen, zu überwachen und zu sammeln.
Text-Quelle: Gekürzte Fassung aus UNESCO-Kurier Nr. 1/1997 'Kredit für die Ärmsten'.

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