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2009: Jahr der Aussöhnung

Die UNO hat am 20. November 2006 das Jahr 2009 zum Internationalen Jahr der Aussöhnung erklärt.


Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erklärte Winston Churchill, einer seiner grossen Akteure: "Wir müssen den Schleier des Vergessens über die Schrecken der Vergangenheit breiten." In der gleichen Epoche formulierte der amerikanische Philosoph George Santayana seine Warnung: "Wer die Vergangenheit vergisst, ist zu ihrer Wiederholung verurteilt." Für welchen dieser Leitsätze sollen wir uns entscheiden? Ist es ratsamer, das Vergangene zu erinnern oder es zu vergessen?


Völliges Vergessen kann dem verlockend erscheinen, der dem Bösen zum Opfer gefallen ist. Eine schmerzhafte oder erniedrigende Erfahrung erscheint dann wie ausgelöscht. Ist es für eine vergewaltigte Frau oder ein in der Familie missbrauchtes Kind nicht das Beste, die Zuflucht im Vergessen zu suchen und so zu tun, als ob gar nichts geschehen wäre? Man weiss aber aus der Lebensgeschichte Betroffener, dass das Verdrängen traumatischer Ereignisse sehr gefährlich ist: Die unterdrückte Erinnerung bleibt aktiv und mündet oft in schwere Neurosen. Ratsamer ist es, sich ein schmerzhaftes Erlebnis bewusst zu machen, nicht um es - das wäre das andere Extrem - unaufhörlich hin und her zu wälzen, sondern um nach und nach Abstand dazu zu gewinnen und das Erlebte zu neutralisieren.


In den vergangenen 30 Jahren hat in vielen Ländern ein politischer Wandel stattgefunden. Repressive Regime wurden durch demokratische Staatssysteme abgelöst. Geblieben sind aber die tiefen Wunden, welche die gewaltsame und qualvolle Vergangenheit hinterlassen hat. Da die Strafverfolgung Hunderter von Verbrechern oft unmöglich ist, haben viele neue Regierungen aussergerichtliche Gremien gebildet, die sich mit den schrecklichen Verbrechen der vorgängigen Herrscher befassen.


Als in Argentinien, Chile und El Salvador Wahrheitskommissionen ins Leben gerufen wurden, geschah dies vor allem als Reaktion auf den Machtmissbrauch der dortigen Regime und deren systemaschische Verschleierung der Wahrheit. Folter und andere Verbrechen fanden meist im Verborgenen statt, und wenn Menschen "verschwanden", wurden meist die Spuren der Opfer und der Verbrechen ausgelöscht. Umso mehr galt es die Wahrheit aufzudecken und die Dinge beim Namen zu nennen.


In Bosnien ist der Auftrag einer solchen Kommission ein ganz anderer. Hier geht es nicht um die verschleierte Wahrheit, sondern um die unterschiedlichen "Wahrheiten" der ethnischen Gruppen.

Traumatische Erfahrungen weltweit

Unter dem Patronat von Menschenrechts-gruppierungen und der internationalen Gemeinschaft wurde 1974 erstmals eine Wahrheits- und Versöhnungskommission vom ugandischen Dikatator Idi Amin ins Leben gerufen. Erwartungsgemäss weigerte sich das Regime, den Bericht zu veröffentlichen oder die Empfehlungen umzusetzen.


In den 1980er-Jahren hatten andere Wahrheitskommissionen mehr Erfolg. Der Bericht der argentinischen Kommission, welche die Fälle der Verschwundenen während der Militärdiktatur untersuchte, wurde zum Bestseller und brachte einige Generäle auf die Anklagebank. Dem spanischen Richter Baltasar Garzón diente der Bericht der chilenischen Wahrheitskommission (1990-1991) als Hauptquelle, um im Oktober 1998 einen Haftbefehl gegen Augusto Pinochet auszustellen. Die Historische Wahrheits-kommission Guatemalas (1997-1999) und die Wahrheits- und Versöhnungskommission Südafrikas (1995-2000) tragen dazu bei, dass die Bürger dieser Länder ihre traumatische Vergangenheit verarbeiten können.


Die Nationalisten der drei ethnischen Gemeinschaften, die sich als Kriegsgegner gegenüberstanden, propagieren jeweils ihre eigene Version der Geschichte, in der nur der eigenen Gemeinschaft die Opferrolle zufällt, den anderen aber die der blutrünstigen Monster.


Eines der Hauptziele besteht darin, den Historikern zu ermöglichen, eine einzige Geschichte dieses Landes zu schreiben. Denn heute gibt es drei unterschiedliche "historische" Versionen, die allesamt die Kinder lehren, ihre Nachbarn seien Feinde. Wenn in dieser Hinsicht nichts geschieht, wird es in den nächsten 20 bis 30 Jahren zu einem neuen Krieg kommen.

 

Text-Quelle: Gekürzte Fassung aus UNESCO-Kurier Nr. 12/1999 'Die Schreckenstaten von gestern: Erinnern oder vergessen?' und Nr. 9/2001 'Rassismus - warum?'.