Geschichte

Die UNESCO ist nicht ex nihilo nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Ihre Gründung steht im Kontext eines langen internationalen Reflexionsprozesses über die intellektuelle Zusammenarbeit, der durch die tiefgreifenden Umbrüche der Mitte des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Sie beruht sowohl auf Initiativen, die bereits in der Zwischenkriegszeit entwickelt wurden, als auch auf einem Willen, der sich ab 1942 klar herausbildete, die Phase des Wiederaufbaus vorzubereiten.

Aufnahmen von der Schluss­sitzung der Konferenz zur Gründung der UNESCO. Am 16. November 1945 verliest Ellen Wilkinson, Bildungsministerin des Vereinigten Königreichs, die Verfassung der UNESCO.

Wurzeln in der Zwischenkriegszeit

Bereits in den 1920er-Jahren setzte sich die internationale Gemeinschaft für eine stärkere intellektuelle Zusammenarbeit zwischen den Nationen ein. Das 1926 unter der Schirmherrschaft des Völkerbundes gegründete Internationale Institut für geistige Zusammenarbeit mit Sitz in Paris förderte den Austausch zwischen Intellektuellen, Wissenschaftlern und Pädagogen. Obwohl seine Tätigkeit durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen wurde, gilt das Institut heute als der wichtigste institutionelle Vorläufer der UNESCO.

Der Krieg als Katalysator

Im Jahr 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, kamen in London die Regierungen mehrerer Staaten zusammen, die gegen das nationalsozialistische Deutschland kämpften. Einige dieser Regierungen befanden sich im Exil, und die Stadt stand zu diesem Zeitpunkt noch unter Bombardement. In Erwartung des Kriegsendes begannen die beteiligten Staaten, gemeinsam über den Wiederaufbau der Bildungssysteme nachzudenken. Diese Gespräche markierten einen Wendepunkt und legten den Grundstein für eine internationale Zusammenarbeit, die später auch Wissenschaft, Kultur und Information umfasste.

Es liegt an uns, die Wege zu öffnen, auf denen von Volk zu Volk die grossen Strömungen des Wissens und des Denkens, der Wahrheit und der Schönheit fliessen können, die das eigentliche Wesen jeder Zivilisation bilden, die diesen Namen verdient.

Ellen Wilkinson, Präsidentin der Gründungskonferenz und Bildungsministerin des Vereinigten Königreichs
London, 1. November 1945

Die Gründung der UNESCO

Aufbauend auf diesen Überlegungen trafen sich im November 1945 Vertreter von 44 Regierungen, um eine neue zwischenstaatliche Organisation zu gründen. 37 Staaten unterzeichneten die Verfassung der UNESCO. Nach der Ratifizierung durch 20 Staaten nahm die Organisation 1946 offiziell ihre Tätigkeit auf. Im selben Jahr fand in Paris die erste Generalkonferenz statt, und die Stadt wurde als ständiger Sitz der UNESCO bestätigt. Die Schweiz trat der UNESCO kurz darauf bei und wurde 1949 Mitglied.

Einige wichtige Meilensteine

► Entdecken Sie hier einige wichtige Meilensteine in der Geschichte der UNESCO (hier klicken)

  • 2015: Die UNESCO wird zur federführenden UN-Organisation für die Koordination des Ziels für nachhaltige Entwicklung 4 (SDG 4) zur hochwertigen Bildung ernannt und verabschiedet den Aktionsrahmen Bildung 2030.
  • 2009: Die Generalkonferenz wählt Irina Bokova (Bulgarien) zur zehnten Generaldirektorin der UNESCO. Sie ist die erste Frau in diesem Amt seit der Gründung der Organisation im Jahr 1945.
  • 2003: Annahme des Übereinkommens zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes, das lebendige Traditionen und das Wissen von Gemeinschaften weltweit anerkennt.
  • 2001: Die Generalkonferenz verabschiedet die Allgemeine Erklärung der UNESCO zur kulturellen Vielfalt.
  • 1999: Offizielle Gründung des UNESCO-Instituts für Statistik (UIS) mit Sitz in Montreal (Kanada).
  • 1997: Annahme der Allgemeinen Erklärung über das menschliche Genom und die Menschenrechte, die als wegweisend im Bereich der Bioethik gilt. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen übernimmt die Erklärung 1998.
  • 1992: Einführung des Programms Memory of the World zur Sicherung des dokumentarischen Erbes von Bibliotheken und Archiven. Heute umfasst das Programm auch Ton-, Film- und Fernseharchive.
  • 1990: Die Weltkonferenz Bildung für alle in Jomtien (Thailand) lanciert eine weltweite Bewegung für eine grundlegende Bildung aller Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen. Zehn Jahre später verpflichten sich die Staaten auf dem Weltbildungsforum in Dakar (Senegal), dieses Ziel bis 2015 zu erreichen.
  • 1978: Die UNESCO verabschiedet die Erklärung über Rasse und Rassenvorurteile. In der Folge veröffentlichte Berichte des Generaldirektors tragen dazu bei, die pseudowissenschaftlichen Grundlagen des Rassismus zu widerlegen.
  • 1972: Annahme des Übereinkommens zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt. Dieser grundlegende Text legt die Basis für den Schutz des gemeinsamen Kultur- und Naturerbes der Menschheit. Das Welterbekomitee wird 1976 eingesetzt, und 1978 werden die ersten Stätten in die Welterbeliste aufgenommen.
  • 1970: Annahme des Übereinkommens über gestohlene oder widerrechtlich ausgeführte Kulturgüter mit dem Ziel, den illegalen Handel mit Kulturgütern zu bekämpfen.
  • 1969: Das Internationale Büro für Erziehung (IBE), 1925 in Genf gegründet und lange von Jean Piaget geleitet, wird ein Institut der Kategorie I der UNESCO und vollständig in die Organisation integriert.
  • 1968: Die UNESCO organisiert die erste zwischenstaatliche Konferenz zur Versöhnung von Umwelt und Entwicklung, ein Ansatz, der heute als nachhaltige Entwicklung bezeichnet wird. Dies führt zur Schaffung des UNESCO-Programms Der Mensch und die Biosphäre (Man and the Biosphere, MAB).
  • 1960: Start der Nubien-Kampagne in Ägypten zur Versetzung des Grossen Tempels von Abu Simbel, um seine Überflutung durch den Nil im Zuge des Baus des Assuan-Staudamms zu verhindern. Während der 20 Jahre dauernden Kampagne werden 22 Monumente und architektonische Elemente versetzt. Es handelt sich um die erste und bedeutendste einer Reihe weiterer Kampagnen, unter anderem in Mohenjo-Daro (Pakistan), Fès (Marokko), Kathmandu (Nepal), Borobudur (Indonesien) und auf der Akropolis von Athen (Griechenland).
  • 1958: Einweihung des heutigen UNESCO-Hauptsitzes in Paris, bekannt als Maison de l’UNESCO, an der Place de Fontenoy. Der Bau wurde von den Architekten Marcel Breuer, Pier Luigi Nervi und Bernard Zehrfuss entworfen und von einem internationalen Komitee unter dem Vorsitz des Schweizers Le Corbusier begleitet.
  • 1954: Gründung des CERN auf Initiative der UNESCO, nach vorbereitenden Arbeiten ab 1950. Die Organisation mit Sitz in Genf wird mit dem Inkrafttreten ihres Übereinkommens, das von zwölf europäischen Staaten unterzeichnet wird, rechtlich unabhängig von der UNESCO.
  • 1952: Eine von der UNESCO einberufene zwischenstaatliche Konferenz verabschiedet das Welturheberrechtsübereinkommen. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg trägt dieses Übereinkommen dazu bei, den Urheberrechtsschutz auf zahlreiche Staaten auszuweiten, die nicht Vertragsparteien der Berner Übereinkunft von 1886 waren.
  • 1946: Erste Generalkonferenz der UNESCO im Grossen Amphitheater der Sorbonne. Die Vertreter der 44 Gründerstaaten bestätigen die Ernennung des Briten Julian Huxley zum ersten Generaldirektor und beschliessen Paris als ständigen Sitz der Organisation. Die Verfassung der UNESCO tritt in Kraft.
  • 1945: Annahme der Verfassung der UNESCO in London.

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Eine Organisation, geprägt von der Geschichte

Die Entwicklung der UNESCO verdeutlicht ihre Rolle als multilateraler Raum, der von den Spannungen, Umbrüchen und Neuausrichtungen der modernen Welt geprägt ist, sowie ihre Fähigkeit, den Dialog aufrechtzuerhalten und neue Mitgliedstaaten zu integrieren. Mehr dazu.

Das Erbe der Nachkriegszeit

Bereits in den ersten Jahren der Organisation wurde die Zusammensetzung ihrer Mitgliedstaaten durch die politischen Spaltungen geprägt, die aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgingen. Einige Länder traten der UNESCO erst mehrere Jahre nach ihrer Gründung bei, darunter Japan und die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1951 sowie Spanien im Jahr 1953.

Geopolitische Veränderungen und Erweiterung

Im Laufe der Jahrzehnte spiegelten sich die grossen geopolitischen Entwicklungen direkt in der Aufnahme neuer Mitgliedstaaten wider. Die Sowjetunion, die bei der Gründung der UNESCO nicht vertreten war, trat der Organisation 1954 bei und wurde nach ihrer Auflösung 1992 durch die Russische Föderation sowie zwölf ehemalige Sowjetrepubliken ersetzt, die ihre Unabhängigkeit erlangt hatten. Im Kontext der Dekolonisation kam es in den 1960er-Jahren zu einer bedeutenden Beitrittswelle: Neunzehn neu unabhängige afrikanische Staaten traten der UNESCO bei und markierten damit einen wichtigen Schritt in Richtung ihrer Universalisierung. Weitere Veränderungen betrafen Fragen der politischen Anerkennung. So wurde 1971 die Volksrepublik China als einzige legitime Vertreterin Chinas in der UNESCO anerkannt. Die Deutsche Demokratische Republik trat 1972 bei und verschwand infolge der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 wieder aus der Organisation.

Austritte und Wiederbeitritte

Die Geschichte der UNESCO ist auch von vorübergehenden Austritten einzelner Mitgliedstaaten geprägt, die in der Regel auf politische oder finanzielle Differenzen zurückzuführen sind. 1957 trat Südafrika unter starkem diplomatischem Druck und angesichts internationaler Kritik an seiner Apartheidpolitik freiwillig aus der Organisation aus. Erst 1994, nach der Einführung der Demokratie, kehrte das Land in die UNESCO zurück.

Die Vereinigten Staaten traten 1985 erstmals aus der UNESCO aus und begründeten dies mit einer aus ihrer Sicht übermässigen Politisierung der Organisation. 2003 kehrten sie zurück, zogen sich jedoch 2018 erneut zurück, nachdem die Aufnahme Palästinas im Jahr 2011 zur Aussetzung ihrer finanziellen Beiträge geführt hatte. 2023 traten die Vereinigten Staaten der UNESCO erneut bei, kündigten jedoch im Juli 2025 einen weiteren Austritt an, der zum 31. Dezember 2026 wirksam werden soll.

Israel trat 2018 im selben Kontext aus der UNESCO aus und ist bis heute nicht wieder beigetreten. Das Vereinigte Königreich verliess die Organisation 1986 mit Verweis auf eine übermässige Politisierung und eine als ineffizient erachtete Verwaltung, trat jedoch 1997 nach internen Reformen wieder bei.